Zoë Jenny: Das Blütenstaubzimmer


Das Buch "Blütenstaubzimmer" ist die Geschichte des Scheidungskindes Jo, das bei seinem Vater aufwächst. Nach ihrem Abitur besucht Jo ihre Mutter, die sie zwölf Jahre nicht gesehen hat. Länger als sie zunächst geplant hatte, bleibt sie in deren Haus, wobei sie nicht wie Mutter und Tochter, sondern wie zwei Geschwister leben, deren Annäherung sich als äußerst schwierig erweist. Nach dem Unfalltod ihres jetzigen Ehemanns begräbt sich die Mutter lebendig in dem sogenannten Blütenstaubzimmer.

Jo rettet sie zwar aus ihrer Isolation, doch es gibt erneut keine wirkliche Bindung zueinander. Nachdem ihre Mutter wieder einen neuen Mann kennen gelernt hat und abermals weg von ihr geht, entwickelt Jo Horrorvorstellungen: Skorpione kommen in ihr Zimmer und überfallen sie. Auch ihre Freundin Rea lässt plötzlich nichts mehr von sich hören. Jo geht zu ihrem Vater und dessen jetziger Familie zurück und merkt schon nach einem Tag, dass sie auch dort nicht sehr willkommen ist. Die Geschichte führt zum Ende jeglicher Beziehungen Jos und findet folglich kein Happy - End.

Die Autorin klagt mit ihrem Buch die sogenannte 68er Generation an, Erwachsene die lebenslang ihre Jugend behalten wollen und dabei ihre Kinder nicht wahrnehmen. Mit ihrer Geschichte zeigt sie, dass man so seine Kinder verliert. Sie formuliert weder direkte Ratschläge noch Warnungen, berührt aber den wunden Punkt dieser Generation.

Die Stärke des Buches liegt in seinem prägnanten Stil, den kurzen Sätzen. Die Autorin stellt das Überflüssigsein von Jo sehr gut dar. Auch ist der Plot sehr interessant geschrieben und es finden sich sehr viele Metaphern, die Jos Situation besonders veranschaulichen sollen Diese Metaphern lassen die Leser zwar oft im Unklaren, regen aber zum Nachdenken an.

Die Geschichte ist oft lyrisch und zu träumerisch geschrieben, sodass man sich manchmal nur schwer hineinversetzen kann. Sehr schwierig nachzuvollziehen ist auch der Sprung von der Gegenwart in die Vergangenheit. Diese Rückbesinnung braucht man zwar um das Verhalten und die Reaktion der Personen zu verstehen, es fehlen aber die Zeitangaben. Es geht der Autorin zwar um die 68er Generation, sie bringt aber dennoch keine politischen Hintergründe ein. Durch den interessanten Plot verspricht man sich mehr von dieser Geschichte.

Nach meiner Meinung ist die Einstellung der 68er Generation zum Familienleben gut beschrieben, die zur Vereinsamung der Kinder führt. Jo fühlt sich überflüssig und hat keinen Anteil am Leben ihrer Eltern. Dennoch empfehle ich das Buch nicht, da es an der nötigen Spannung fehlt und oft sehr trocken geschrieben ist. Es ist schwer zu verstehen und nicht für Leseeinsteiger geeignet. Wer sich aber gern mit der 68er Generation beschäftigt, mag sich dieses Buch kaufen.

Zoë Jenny ist 1974 in Basel geboren, aufgewachsen in Griechenland, im Tessin und in Basel.
Für das Buch "Das Blütenstaubzimmer" erhielt sie mehrere Auszeichnungen, u.a. den Aspekte Literaturpreis des ZDF.

Zoë Jenny: Das Blütenstaubzimmer. Frankfurt/Main 1997
(bfb - Verlag 72383; 7,-- €)

 

Christoph Benner