Rezension von Ruth Klügers Erzählung "weiter leben - Eine Jugend"

Nicht sentimental, aber sehr bewegend

"Der Tod, nicht Sex war das Geheimnis, worüber die Erwachsenen tuschelten, worüber man gerne mehr gehört hätte." So beginnt Ruth Klügers Erzählung "weiter leben - Eine Jugend". Mit diesem Anfangssatz ist Ruth Klügers Leben wie ein Programm dargestellt. Die Autorin, 1931 geboren, wächst in einer jüdischen Familie im antisemitischen und kinderfeindlichen, vor allem judenkinderfeindlichen Wien auf. Ihre Kindheit wird durch den Faschismus, den sie als reine Männersache empfindet, und die dadurch heraufbeschworenen Verluste von wichtigen Menschen geprägt. Weil Vater, Bruder und immer mehr andere Verwandte verschwinden bzw. fliehen, bleibt Susi, so der erste Name der Autorin, zusammen mit ihrer Mutter als eine der letzten Juden in Wien zurück. Der daraus resultierende Mutter-Tochter-Konflikt begleitet sie ihr ganzes Leben lang. In dieser Zeit wählt sie dann ihren zweiten Namen Ruth als Vornamen aus.
Diesen alttestamentlichen Namen versteht sie als Zeichen einer bewussten Hinwendung zum
Judentum und zugleich als Protest gegen die gewalttätige Männerwelt.

Mit der Deportation der 10-jährigen nach Theresienstadt beginnt ihr Leidensweg durch verschiedene Konzentrationslager. Neben der Erniedrigung erfährt sie dort allerdings auch Solidarität.
Zu ihrer Überlebensstrategie in dieser Zeit gehört das Verfassen und Rezitieren von Gedichten.
Eines dieser Gedichte wird nach ihrer gelungenen Flucht im befreiten Nachkriegsdeutschland sinnentstellt
veröffentlicht. Das ist ein erster Hinweis auf das Verdrängen des Holocaust. Ein Mechanismus, der soweit geht, dass bei den KZ-Überlebenden noch Schuldgefühle wegen ihres Überlebens erzeugt werden.

Wie durch ein Wunder überlebt die junge Ruth Klüger. Sie erfährt Menschlichkeit und Unmenschlichkeit
- oft unerwartet, aber immer in der Rolle der Außenseiterin.
Ihre Flucht führt sie endlich in das Land der unbegrenzten Möglichkeiten und der großen Freiheit,
das sie aber nicht als solches erlebt. Statt dessen ist Amerika für sie das Land des großen Anpassungsdrucks, dem sie sich frei ausgeliefert fühlt, so dass sie immer wieder aus ihrem
Umfeld ausbricht und ihr Leben durch ständige Flucht gekennzeichnet ist, ein Motiv, dass sich schon im Vorkriegswien andeutet.
Diese Erzählung ist mehr als nur eine Autobiographie. Sie ist zeitgeschichtlich, politisch und belletristisch zugleich. Ruth Klüger erzählt unsentimental und direkt; offen und kritisch reflektiert sie ihr eigenes Verhalten. Und doch gelingt es ihr, ihre Empfindungen eindrücklich zu beschreiben. Sie blickt mit ihrer spezifisch weiblichen Sicht auf die Geschehnisse, wobei sie es immer wieder schafft, durch Gespräche mit Freunden und Bekannten einen Bezug zur Gegenwart herzustellen und uns damit in ihre Erfahrungen
und Gedanken einzubeziehen. So ist diese 284 Seiten lange Erzählung tatsächlich ein deutsches Buch, wie die Verfasserin, die heute in Kalifornien und mit Zweitwohnsitz in Göttingen lebt, im Epilog schreibt. Ruth Klüger: "weiter leben - Eine Jugend". München 1999 (dtv 11950; 8 Euro)



Katharina Bernhardt