Thomas Brussig :"Am kürzeren Ende der Sonnenallee"

"Hey Zoni, mach mal winke, winke, wir wollen dich knipsen." Mit diesem Spruch, heruntergerufen vom Aussichtsturm auf der anderen (westlichen) Seite der Berliner Mauer, wird Micha Kuppisch begrüßt, wenn er aus dem Haus auf die Straße tritt. Dieses "kürzere Ende der Sonnenallee" ist seine Heimat und die seiner Clique, die sich mit den unterschiedlichsten Problemen des "Erwachsen-werdens" herumschlagen muss.

Es geht hauptsächlich darum, wie Micha es am Ende doch noch schafft, bei Miriam (in die nicht nur er, sondern auch alle seine Freunde verliebt sind) zu landen. Aber weil die sich zu Beginn viel lieber von Westlern küssen lässt, ist Micha erst einmal abgemeldet. Und so erzählt der Roman von Michas unerfüllter Liebe, die darin gipfelt, dass ein Liebesbrief ungelesen in den Todesstreifen flattert und irgendwie wiedergeholt werden muss, von seinem Freund Wuschel, dem ein Original Stones Album des Leben rettet, und nicht zuletzt von der "Westverwandtschaft": Onkel Heinz bringt vor Angst Dinge herüber, die auch legal einzuführen wären und schmuggelt einen Anzug unter seinem Anzug, wofür er sich 15 Kilo abhungert!

Alles in allem ist Brussigs Roman, der parallel zu dem Drehbuch des gleichnamigen Films von Leander Hausmann entstand, nicht so sehr von großer Politik geprägt, sondern versucht das Lebensgefühl in der DDR der 70er Jahre zu vermitteln. Dies geschieht auf sehr unterhaltsame Art und Weise. Dadurch, dass auch das politische System (personifiziert z.B. durch die Schuldirektorin oder den Abschnittsbevollmächtigten) der Lächerlichkeit preisgegeben wird, wird der Versuch der totalen Überwachung als unmöglich entlarvt. Und trotz der Übertreibungen, oder vielleicht gerade ihretwegen, bekommt man einen Einblick in die Probleme und Gefühle, die die Menschen damals und unter diesen Umständen hatten.

Thomas Brussig, der Autor, der als Möbelträger, Museumspförtner und Hotelportier gearbeitet hat und Soziologie und Dramaturgie studierte, sagt über sein Buch: "Ich wollte ein Buch schreiben, mit dem sowohl Wolf Biermann als auch Karl-Eduard von Schnitzler gut leben können." und: " ´Am kürzeren Ende der Sonnenalle` habe ich auch geschrieben, damit die Westler neidisch werden, dass sie nicht in der DDR leben durften."
Diese Aussagen zeigen, wie das Buch geschrieben wurde: Die "Geschichte" ist in eine lockere Handlung verpackt, ohne große Worte, aber mit viel Witz erzählt und dieser Schreibstil macht das Buch gerade für Jugendliche interessant.

Der Schluss versucht dem Vorwurf zuvorzukommen, Brussig habe die Gewaltherrschaft in der Ex-DDR verharmlost. Dort lässt er Micha schreiben: "Wer wirklich bewahren will, was geschehen ist, der darf sich nicht der Erinnerung hingeben", denn "der weiche Schleier der Nostalgie [legt sich] über alles [...], was einmal scharf und schneidend empfunden wurde".

Insgesamt lässt sich das Buch auch für eine eingefleischte Westlerin wie mich sehr gut lesen, abgesehen von einigen Begriffen wie z.B. ABV (Abschnittsbevollmächtigter), die mir nicht sofort schlüssig waren. Es ist allerdings meiner Meinung nach nicht sehr ernst zu nehmen, u. a. auch, weil Brussig am Schluss versucht, sein Buch zu verteidigen und meint erklären zu müssen, warum er nicht alles so ernst beschrieben hat, wie es vielleicht wirklich war. Dadurch fragt man sich, warum man das Buch überhaupt gelesen hat, obwohl es doch recht interessant und vor allem amüsant geschrieben ist.

Thomas Brussig: Am kürzeren Ende der Sonnenallee, Frankfurt/Main 1999 (Fischer Taschenbuch 14847, 7,90 Euro)

Mirjam Franz