Bausteine zu einem medienpädagogischen Curriculum
Sekundarstufe II:

Lahntalschule

Hier sollen die medialen Erfahrungen aus der Sekundarstufe I aufgegriffen und an exemplarischen Themen weiter verfolgt werden:

  • Vertiefung des filmanalytischen Instrumentariums am Beispiel von Literaturverfilmungen, etwa aus der Zeit des expressionistischen Films in der Jahrgangsstufe 11

Im Rahmen eine Unterrichtsreihe Jugend und Schule in der Literatur wird auch der satirische Roman "Professor Unrat oder das Ende eines Tyrannen" (1905) von Heinrich Mann gelesen.

In der tyrannischen Lehrerfigur "Unrat" kritisiert Heinrich Mann das wilhelminische Deutschland, exemplifiziert seine autoritären Strukturen am Machtpfeiler Schule und deutet damit bereits auf die Entwicklung zum Faschismus voraus.
Während Heinrich Mann seinen Roman als soziologisch bezeichnet, ihn ausdrücklich in einen historisch-gesellschaftlichen Bezug einordnet, verzichtet die Verfilmung von Sternberg "Der blaue Engel" (1930), ein Prestigeobjekt der Ufa, weitgehend auf die gesellschaftlich-kritische Dimension, pointiert vielmehr die individuelle Tragödie eines Abstieges in die nicht bürgerliche Existenz und setzt auf die gezielte "erotische" Inszenierung von Marlene Dietrich. Gleichwohl weist er mit seinen Licht-Schatten-Effekten, seiner Blickdramaturgie, die mit Spiegelungen, verstellten Durchblicken ein Netz entwirf, in dem sich Unrat verfängt, eine eigenständige ästhetische Struktur auf.
Indem die unterschiedliche Intention und die ästhetischen Mittel des Films im Vergleich zu denen des Romans von den Schülern und Schülerinnen herausgearbeitet werden, bleibt die Betrachtung des Filmes nicht bei der herkömmlichen Bewertung der Literaturverfilmung im Deutschunterricht stehen, die den Film als bloß problematische Nachgestaltung einer höherwertigen literarischen Vorlage ansieht. Vielmehr wird den SchülerInnen deutlich, dass dem Medium Film eine eigenständige künstlerische Wertigkeit zukommt. Dieser Aspekt lässt sich abschließend in der kritischen Auseinandersetzung mit Sekundärtexten zum Film (Siegfried Kracauer/Th.W. Adorno) vertiefen.
Entsprechend können auch die Schlöndorf-Verfilmung von Musils "Die Verwirrungen des Zöglings Törleß" u.a. bearbeitet werden.

  • Filmanalyse und Eigenproduktionen von Filmrezensionen in der Jahrgangsstufe 12

Nach der ausführlichen Beschäftigung mit Goethes Tragödie werden mit den Faust-Filmen von Murnau (1926), Gründgens (1960) und Dorn (1987) drei sehr divergente filmische Varianten aus unterschiedlichen Zeiten im Hinblick auf die sie charakterisierenden Akzente von Dramaturgie und Ästhetik untersucht. Dabei geht es auch um den Vergleich der besonderen ästhetischen Mittel und Ausdrucksformen von Theater und Film:
Anhand der jeweiligen Filmanfänge werden zunächst Fragen nach der Spezifik in der Inszenierung der Faustfigur, ihrer Intention und Wirkung, und nach den filmästhetischen Besonderheiten gestellt. Die Ergebnisse dieser Phase werden im Anschluss durch eine genaue exemplarische Sequenzanalyse der "Hexenküche" überprüft:
Während sich das Pathos der Gründgens-Verfilmung eng am Theater orientiert und nur sehr reduziert filmische Mittel zum Einsatz bringt (weitgehend starre Kamera, kaum Wechsel der Perspektive, Orientierung an der Raum-/Zeitexposition des Theaters), grenzt sich Dorn mit der fast satirischen Entmythologisierung der Faustfigur und durch das Exponieren der medialen Möglichkeiten gezielt gegen diese ab. Im filmischen Verfügen über Raum und Zeit, dem aufwendigen Spiel mit grellen Farben und medialen Effekten, den harten Schnitten, zahlreichen Großaufnahmen und Perspektivwechseln inszeniert er ein Spektakel, das den zeitgenössischen Sehgewohnheiten der SchülerInnen am nächsten kommt.
Der Klassiker der Filmgeschichte von Murnau, der sich neben Goethe auch an Marlowe und die Volksbücher anlehnt, weckt wohl aufgrund der Fremdheit, die aus der historischen Distanz resultiert, das Interesse der SchülerInnen. Der expressionistische Film evoziert mit seiner intensiven Lichtregie, seinen magischen Effekten (Tricktechnik) eine romantisch-mittelalterliche Atmosphäre und popularisiert solchermaßen den Fauststoff.
Über die Lektüre von Sekundärtexten zu den Filmen kann abschließend die eigene Sicht noch einmal vergleichend reflektiert werden. Aus der Analyse von Rezensionen zu den Faustverfilmungen werden Kriterien für das Verfassen einer Filmkritik erarbeit, dann in eigene Rezensionen zu den drei Filmen produktiv umgesetzt und schließlich redaktionell überarbeitet.

  • Umsetzung eines expressionistischen Gedichtes in das Drehbuch einer Filmsequenz an Stelle einer Gedichtanalyse in Jahrgangsstufe 13:

Im Kontext einer Unterrichtsreihe "Expressionismus" mit ihrer häufig synästhetisch geprägten Literatur bieten sich fächerübergreifende Vergleiche zu Kunst und Musik nachgerade an. Entsprechend kann es den Zugang der Schülerinnen erheblich erleichtern, wenn die in ihrer speziellen Metaphorik sprachlich nicht immer leicht zu entschlüsselnde Lyrik zu zeitgenössischem Bildmaterial in Beziehung gesetzt wird. An Text-Bild-Vergleiche gewöhnt lässt sich dann auch der Schritt wagen, anstelle eines analytischen Zugangs ein Gedicht produktiv in eine filmische Sequenz umsetzen zu lassen. Inhalt und Stimmung von "Verfall" von Georg Trakl erweisen sich hierfür insofern als besonders geeignet, als das Gedicht mit seiner Dynamik eines sich verändernden Blickwinkels, seiner Detailfülle, seiner sich verändernden Stimmung, seinen Farbanspielungen zahlreiche Anregungen für die filmische Gestaltung bietet.
Die differenzierten Ergebnisse der Schülerinnen, die mit Kameraperspektive, Einstellungsgrößen, Hell-Dunkel- und Farbeffekten, musikalischer und Tonuntermalung etc. durchaus kreativ umzugehen wussten, haben diese Einschätzung bestätigt.
Als bemerkenswert erweist sich bei einem solchen produktionsorientierten Vorgehen auch, dass die Analyse des Gedichtes, die die SchülerInnen als Voraussetzung für ihre filmische Umsetzung - ohne diese als solche bewusst wahrzunehmen - leisten müssen, erheblich genauer ausfällt als bei Deutungsverfahren, wie sie üblicherweise im Unterricht praktiziert werden.

  • Internetrecherchen zu Autoren, literarischen Werken, Epochen etc. in den Jahrgangsstufen 11, 12 und 13
Beispiel: Projekt Jahrhundertwende 13

Zunächst erarbeiten die SchülerInnen anhand von literaturgeschichtlicher Grundlagenliteratur selbständig einen Überblick über die verschiedenen literarischer Strömungen der Jahrhundertwende und entscheiden sich dann für jeweils eine, die sie im Kursplenum vorstellen wollen. Aufgabe ist es dabei, die ausgewählte literarische Richtung ausgehend von einem zentralen Werk eines exemplarischen Autors (z.B. Hofmannsthal, Kafka, H. Mann, Rilke, Schnitzler, Wedekind) aus zu entwickeln und in den Kontext der Epoche einzuordnen.
Als Voraussetzung für die Internetrecherche sollen die SchülerInnen einen ersten Einblick gewinnen, ein Arbeitsthema sowie Arbeitshypothesen und daraus abgeleitet gezielte Fragestellungen für die Recherche formulieren. Außerdem erhalten sie eine kurze Einführung in die Nutzung von Suchmaschinen (z.B. Google, Northernlight) und eine URL-Liste.
Ziel ist es, die SchülerInnen zu einer vorstrukturierten, überlegten Suche im Netz anzuleiten, Kriterien für die Auswahl aus der Materialfülle zu entwickeln, die gefundenen Texte kritisch im Hinblick auf ihre Qualität zu reflektieren und die Ergebnisse der Netzsuche mit der Literaturrecherche zu vergleichen. Daneben werden auch die Arbeitstechniken für die Erstellung von Referaten und die Präsentation von Ergebnissen wiederholend thematisiert.

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