„Damals waren viele  blind und standen hilflos da“

„Damals waren viele
blind und standen hilflos da“

Es ist eher selten, dass in einem Raum, in dem 300 Schüler versammelt sind, absolute Ruhe herrscht. Aber genau so einen Moment hat gestern die katholische Kirche in Biedenkopf erlebt. Auf Anregung von Pfarrerin Katharina Stähler haben die neunten und zehnten Klassen sowie die E-Phase der Lahntalschule dort eine Gedenkfeier anlässlich des 81. Jahrestages des Reichsprogromnacht vom 9. November 1938 abgehalten. Vor allem der Zeitzeugenbericht Ursula Ostrowskis, die als kleines Mädchen in Breidenbach den Abschied von der letzten dort lebenden Jüdin, Hermine Schauß, miterlebt hat und ihre Erinnerungen daran in einem Gedicht niedergeschrieben hat, ließ die Schüler verstummen. Sie erzählte, wie vor der Machtergreifung der Nationalsozialisten Juden und Christen in Breidenbach einmütig miteinander lebten und erst durch die Nazis ein Wahn in den Köpfen der Menschen entstanden sei.

Damals waren viele blind und standen hilflos da …

, erinnerte sich Ostrowski, die zusammen mit jener Hermine im Zug nach Frankfurt saß, wo diese sich melden sollte. „Ich habe ihr damals noch ‚Auf Wiedersehen‘ gesagt, worauf sie nur leise antwortete, dass wir sie nicht mehr wiedersehen würden“, erzählte Ostrowski. Sie sollte Recht behalten. 1943 erreichte ihren Mann zuhause in Breidenbach die Nachricht von ihrem Tod. „Ich war jahrzehntelang der Überzeugung, dass es Antisemitismus in Deutschland nie wieder geben würde, nach allem, was wir erlebt haben“, sagte Ostrowski und fügte den Tränen nahe hinzu: „Umso trauriger macht es mich, zu sehen, dass ich mich offensichtlich geirrt habe.“ Ihr Appell klingt in den Ohren nach:

Wenn jeder seinen Mitmenschen so akzeptiert, wie er ist, ganz egal, welche Hautfarbe er hat oder woher er kommt, wäre ein friedliches Zusammenleben so einfach. Frieden ist das höchste Gut, das wir in Deutschland haben und wir sollten dieses Geschenk gut bewahren.

Dem pflichtete auch Katharina Stähler bei, die darauf hinwies, dass der Hass auf die Juden im Land wieder steige. Das belegten der Anschlag auf die jüdische Synagoge in Halle vor einem Monat, aber auch Untersuchungen, die sich mit diesem Thema beschäftigten. „Sieben Jahre nach der Progromnacht im November 1938 waren sechs Millionen Juden in Europa tot. Nur sieben Jahre – so schnell kann es gehen“, gab Stähler zu bedenken. Für den vielleicht emotionalsten Moment der Gedenkfeier sorgten jedoch die Schüler selbst, als sie die Namen von 36 getöteten und verschleppten Juden aus dem Hinterland verlasen und nach deren Tradition für jeden von ihnen einen Stein im Altarraum niederlegten, wobei selbst viele der Jugendlichen schwer schlucken mussten. Umrahmt wurde die Gedenkfeier von musikalischen Beiträgen Kira Nassauers, Johanna Rompfs und Beatrice Wetters. Die drei Schülerinnen spielten einige Stücke der klassischen jüdischen Klezmer-Musik.
Biedenkopgf (sval).

Fotos: © BLUM / LTS