Ein bisschen Faust steckt in jedem von uns

Ein bisschen Faust steckt in jedem von uns

Die Schüler des Kurses Darstellendes Spiel an der Lahntalschule Biedenkopf haben eindrucksvoll den Beweis angetreten, dass es möglich ist, das bedeutendste Werk der deutschen Literatur auf eine einstündige Aufführung zu komprimieren. Dabei inszenierten sie ihre Version des Faust als ein Mosaik der wichtigsten Szenen aus Goethes Meisterwerk. Schon die Einführung würdigte den Zuschauern Respekt ob des Einfallsreichtums der Akteure ab: In einer Art szenischen Inhaltsverzeichnisses nahmen sie die wichtigsten Stellen des Stückes mitsamt der bekannten Zitate aus dem Originalwerk vorweg, von denen viele Eingang in den alltäglichen Sprachschatz gefunden haben und dadurch so vertraut klingen. Bemerkenswert war dabei sicherlich, dass die Schüler den literarischen Klassiker zwar szenisch in ein neues Gewand kleideten, die Sprache aber unangetastet ließen und sich damit ehrfurchtsvoll vor Goethe verneigten. Zugleich bedeutete dies aber auch, dass sie weite Teile des Textes auswendig lernen und vortragen mussten. Als ebenso beeindruckend erwies sich aber auch das Spiel mit der Symbolik und den theatralen Gestaltungsmitteln, mit denen die jungen Theatertalente ihre Szenen ausschmückten. So entwarfen sie den berühmten Prolog im Himmel etwa als ein Schachspiel zwischen Gott und dem Teufel um die Seele Fausts oder würzten das ausschweifende Leben in Auerbachs Keller mit moderner Rap-Musik, um dadurch zu zeigen, dass der Faust-Stoff keineswegs in irgendeiner Literaturkiste vor sich hinstaubt, sondern auch auf die heutige Gesellschaft übertragbar ist. Darauf deutete auch die Entscheidung der Schüler hin, die Hauptrollen Faust, Mephisto und Gretchen nicht nur von einer, sondern mehreren Personen spielen zu lassen. Markiert wurden die jeweiligen Rollenträger dabei durch ein eindeutiges Merkmal wie das rote Tuch des Mephisto oder die kostbare Kette Gretchens. Auf diese Weise verdeutlichten die Schüler, dass die Figuren zwar austauschbar sind, ihre Triebkräfte und Beweggründe aber stets dieselben bleiben. Oder anders ausgedrückt:

Ein bisschen Faust steckt in jedem von uns.

Angesichts so vieler kreativer Einfälle gab es am Ende der Aufführung nicht nur reichlich Applaus vom Publikum, sondern auch Lob und Anerkennung von Kursleiter Ralf Grebe und dem stellvertretenden Schulleiter Michael Kanning. Der wies auch darauf hin, dass die Aufführung des Stückes lange Zeit auf der Kippe stand und das Ensemble überlegt hatte, sie ganz zu streichen. Denn ein Schüler des Kurses war Anfang Dezember bei einem Autounfall ums Leben gekommen. Schließlich entschlossen sich seine Kameraden aber, es gerade deswegen aufzuführen – denn Felix hätte es so gewollt. (sval)