Alles hat seine Zeit

Alles hat seine Zeit

Versuch einer Jahresbilanz im Schuljahr20/21

Wir Schulpfarrer werden am Ende jeden Schuljahres von unserer Kirche gebeten eine Bilanz des zurückliegenden Schuljahres zu ziehen. Es geht nicht um einen Leistungsbericht, sondern darum, wie die Schulgemeinde das letzte Jahr erlebt hat und welche Themen und Emotionen dabei eine Rolle gespielt haben.

In diesem Jahr möchte ich einige Schlaglichter, die ich erlebt habe, mit der Schulgemeinde teilen und jede/n ermutigen vielleicht etwas ähnliches für sich selbst zu versuchen, denn im täglichen Betrieb der Schule mit seinen vielfältigen Anforderungen geht eine solche persönliche Verarbeitung der vergangenen Zeit manchmal unter und jede/r Einzelne versucht nur zu funktionieren und achtet nicht unbedingt darauf, wie ihn/sie die Umstände verändern oder mitnehmen.

Was mir als erstes einfällt, ist die unglaubliche Flexibilität unserer Schulgemeinde. Die Bundesregierung, die Landesregierung und das Schulamt haben im Laufe dieses Schuljahres eine Fülle von Regelungen beschlossen, die immer relativ zeitnah in der Schule umgesetzt werden sollten. Alle, die SchülerInnen, LehrerInnen und Eltern, mussten immer wieder neu erfinden, was das für unseren Alltag bedeutete. Gefühlt habe ich 50 Versionen des Hygieneplans gelesen und viele Regelungen zur Benotung und zur Art des Unterrichts kennengelernt, Wechselunterricht Distanzunterricht, Präsenzunterricht in einen oder in zwei Räumen mit derselben Klasse. Die Arbeitsformate haben sich geändert. Manches fiel weg, wie Besuche in der Synagoge oder der Moschee, anderes kam hinzu, Videokonferenzen, besondere Ersatzleistungen, und immer wieder haben sich alle darauf eingestellt. Ja, manche haben sich sogar durch die neuen Arbeitsformen verbessert als LehrerInnen wie als SchülerInnen. Bei den Notenkonferenzen gab es einige SchülerInnen, die nach oben gesprungen sind. Die Kinder mussten zwangsweise ihre Fähigkeit zu Selbstorganisation und Selbstdisziplin verbessern, was den meisten wohl auch gelungen ist.

Aber hier zeigten sich auch die Grenzen der Flexibilität. Manche/r verschlief die Videokonferenzen oder ließ die Kamera aus und verfolgte parallel den Chat in der WhatsApp-Gruppe oder widmete sich seinem/ihrem Videospiel. Manche Kinder meldeten sich tage- oder wochenlang nicht. Die LehrerInnen bemühten sich nach Kräften hier gegenzusteuern, aber es gelang nicht immer. Die Eltern waren immer wieder als Unterstützung gefordert und sollten neben Beruf und Familienleben auch noch auf die Erledigung der Arbeitsaufträge achten. Als Erziehungsberechtigter mit vier Kindern an vier Schulen in zwei Bundesländern habe ich sehr viele verschiedene Möglichkeiten kennengelernt, wie Schule in der Pandemie arbeiten kann, und ich glaube, das war in vielen Familien ähnlich. Es war immer wieder eine Herausforderung.

Das war die Kehrseite der erzwungenen Flexibilität: Immer war der ganze Ablauf im Schwebezustand. Nie konnte man auf längere Zeit planen. Der Plan für die Klassenarbeiten musste immer wieder überarbeitet werden. Die Kinder in den Klassen 7-11 haben die Schule monatelang nicht von innen gesehen. Manche Kinder verloren das Gefühl für die Struktur des Tages völlig aus den Augen. Die Schule wurde zeitweise zur Geisterschule, in der sich die wenigen Anwesenden kaum begegneten.

Man merkte dies besonders, als es wieder Präsenzunterricht für alle gab, und alle voller Euphorie durch die Gänge liefen. Da merkte jede/r, wie wichtig das soziale Miteinander in der konkreten Begegnung für jede/n war. 

Viel wurde in diesem Jahr über das Licht am Ende des Tunnels gesprochen und geschrieben, dass sich nun zeige, aber es könnten, wenn man das Infektionsgeschehen mit den Corona-Varianten betrachtet, noch einige Fahrten durch weitere Tunnel vor uns liegen.

Ich habe aus all dem, gerade wenn die Zeit so unübersichtlich ist, wieder neu gelernt, jeden Tag als neues Geschenk auf Gottes Hand anzunehmen und die positiven und die negativen Eindrücke anzunehmen.  „Alles hat seine Zeit“, heißt es im Buch der Prediger in der Bibel. Das bedeutet, kein positiver, aber eben auch kein negativer Abschnitt unserer Zeit dauert ewig, sondern es gibt immer den Wechsel. Das kann Trost und Hoffnung für die Zeit, die kommt, geben.

In diesem Sinn wünsche ich uns für die Ferien eine gesegnete gute Zeit und hoffe, wir sehen uns gesund und erholt wieder.

Ihr/euer

Wolfgang Schilling